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Fieber 4

Besuchstag. Kranke Welt trifft auf angeblich gesunde. Ich sitze in der kleinen Cafeteria der Anstalt an einem der gnadenlos hässlichen Resopaltische. Der Uhrzeiger schleicht über das Ziffernblatt. Ich habe die Hoffnung, die früher an diesen Tagen aufgekommen ist, längst aufgegeben. Mit einem freudlosen Lächeln sehe ich den noch relativ neuen „Gefangenen“ dabei zu, wie sie sich oft tränenreich von Verwandten und Freunden verabschieden. Der Kaffee ist wiederlich. Bald wird es sich auch bei denen ändern. Es werden immer weniger Besucher werden. Das hier ist keine Anstalt, sondern ein Grab. Ein Grab für die, die von der Gesellschaft als krank gelten und hier verscharrt werden. Als die letzten esucher den Raum verlassen, kommt die junge Praktikantin auf mich zu. Man muss schon sehr kaputt sein, um sich das hier auch annähernd als Job für die Zukunft vorstellen zu können.

„Kommen sie dann bitte mit, Herr-“

Herr durchgeknallt, danke auch.

Denke ich bei mir, spreche es dann aber nicht laut aus. Es macht keinen Sinn, sie dafür zu strafen, dass sie hier arbeitet.

Schweigend begleite ich sie zurück ins Zimmer. Mit einem metallischen Schnappen rastet die Tür ins Schloss ein. Ich lasse mich müde aufs Bett fallen.

~Du bist allein. ~

„Das weiss ich selbst.“

Keiner ist gekommen, Freunde, die mir wichtiger waren als meine eigene Familie. Freunde, die mich damals sogar als Bruder bezeichnet hatten. Zu gerne hätte ich sie wieder gesehen. Vielleicht nur, um ihnen zu sagen...

„ICH VERROTTE HIER DRIN, ABER KEINER VON EUCH LÄSST SICH BLICKEN!“

Panisch muss ich feststellen, dass ich die letzten Worte laut gesagt habe.

Schnelle Schritte auf dem Gang.

Korrigiere.

Geschrien.

Die Tür öffnet sich einen Spaltbreit.

„Alles in Ordnung?“

Die junge Praktikantin schiebt sich zur Tür herein, das Gesicht besorgt und, wie ich überrascht feststelle, mitleidig. Seltsam... Die Ärzte und Schwestern hier haben das wohl schon lange verloren. Zu viel Leid stumpft ab.

„Ja.“

„Sie haben geschrien.“

„Ja.“

Sie schaut mich weiterhin nachdenklich an. Sie ist viel zu empfindsam, um an einem solchen Ort zu arbeiten. Dann kommt sie näher.

„Darf ich?“

Fragt sie und setzt sich, ohne meine Antwort abzuwarten auf die Bettkante.

„Hab ich denn eine Wahl?“

„Nein.“

Antwortet sie mit einem schiefen Lächeln, das beinahe entschuldigend wirkt. Lächeln... Etwas seltenes in diesem Räumlichkeiten, wenn man vom zwanghaften Lachen der schwer Geisteskranken absieht.

„Was haben sie denn?“

Ich schüttle den Kopf. Das geht dich einen Dreck an. Gleich afuf den Gedanken macht sich Scham in mir breit. Es ist unfair, so etwas zu denken, allein schon, weil sie Mitgefühlt zeigte.

„Was ist denn?“

Ihr Tonfall ist ruhig, sie bleibt leise und lächelt sanft, wi im mich dadurch von ihrer vertrauenswürdigkeit zu überzeugen. Das ist nicht die Frage einer Angehenden Ärztin, sondern die eines Menschen, der Mitgefühl zeigt.

„Hm?“ Ich versuche, gelassen zu klingen, als ob ich nicht gerade das ganze Haus zusammengeschrien hätte.

Sie schaut mich weiterhin fragend an.

„Ich habe laut gedacht.“

„Sehr laut.“

Langsam werde ich wütend.

„Ist noch was?“

„Nein.“

„Dann wäre ich sehr froh, wenn man mich nicht weiterhin belästigen würde.“

Mein gereizter Tonfall scheint seine Wirkung nicht verfehlt zu haben. Sie schliesst die Türe leise hinter sich, als sie geht, nicht ohne mir einen leicht vorwurfsvollen Blick zuzuwerfen. Mitleid ist das letzte, was ich will. Ich strecke mich auf dem Bett aus. Wahrscheinlöich habe ich sie unfair behandelt. Und an sich war sie ja ganz nett.

~Soso, ganz nett.~

„Ja.“

~Ist da nicht noch etwas mehr?~

„Nein.“ Monotone Stimme.

~Willst du sie ficken?~

„Leck mich.“

~So, wie du die Kleine gefickt hast, die du allein durch deine eigene Dummheit schliesslich umgebracht hast?~

„Lass mich in Ruhe.“

~Also willst du sie ficken.~

Ich drehe mich um, will nichts mehr hören. Doch stimmen im Kopf kann man nicht mit einem Kissen ersticken.Ich will nur noch den Kopf in den Sand stecken und Schlaf finden...

Nur noch Schlaf. Nur noch Ruhe. Nur noch...

Schwärze.

10.11.09 15:56

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bisher 3 Kommentar(e)     TrackBack-URL


live-out (11.11.09 14:09)
Ist das in deinem Kopf entstanden? Wenn ja, mach ich mir ein bisschen Sorgen...


Voddi ♥ / Website (16.11.09 13:31)
wieso sorgen machen ?


blut-fee (7.12.09 17:12)
ich finde den text echt toll! ist er autobiografisch?

lol! übrigens. falls du dich wirklich fragst wer den job als schwester auf einer psychiatrie machen wollen würde. ich kann nur sagen, darauf arbeite ich hin, ich will an der psychiatrischen gesundheits schule aufgenommen werden. letztes jahr wurde ich nicht genommen, vl probiere ich es dieses jahr im sommer wieder. es ist mein traumjob...
u in weiterer folge würde ich dann eine therapeuten-ausbildung anstreben o.O ist das so absurd?

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