Letztes Feedback

Meta





 

Geschriebenes

Türgeschichten

Der Schlüssel dreht sich mit einem leisen Scharren im Schloss. Die rostige Metalltür des Kellers begehrt kreischend auf, doch geht nach kurzem, ungeduldigen Druck auf. Der Viertelkreis im Staub des Bodens zeugt davon, dass es nicht das erste Mal ist. Die Prozedur scheint einem Mantra gleich jeden Tag wiederholt zu werden, sodass einem geübten Beobachter sicherlich aufgefallen wäre, dass das Haus nicht so unbenutzt und leer stehend ist, wie es scheint.

 

Der Schlüssel dreht sich ohne Widerstand im Schloss. Die glänzend geputzte Milchglastür öffnet sich unter dem leisen knarzen der Feder des Türschliessers. Kein einziges Pflänzchen wagt es in den geradezu sterilen Fugen des scheinbar oft benutzten Gartenweges zu wachsen. Die Prozedur scheint einem Mantra gleich jeden Tag wiederholt zu werden, sodass einem geübten Beobachter sicherlich aufgefallen wäre, dass dieses Haus kaum einen Tag im Jahr menschenleer ist, wie es scheint.

 

"Guten Morgen, die Dame" Mit einem zynischen Lächeln begrüßt er die Frau auf dem Metalltisch.

Betrachten wir sie uns näher.

Braunes Haar, normale Statur, keine Kleidung. Sie ist mit vier paar Handschellen an die seitlich verlaufenden Handläufe des Tisches gekettet. Der fachmännische Knebel im Mund sorgt dafür, dass sie nicht sprechen kann.

 

"Guten Morgen, die Damen." Mit strahlendem Lächeln begrüßt er die Frau und das Mädchen in der Küche.

Betrachten wir sie uns näher.

Beide mit blonden Haaren, beide ein wenig mollig, typische, eher unmodische Dutzend-Kleidung. Sie sitzen an einem kleinen Küchentisch, die Hausaufgaben der Tochter vor sich ausgebreitet. Beide nicken kurz, mit weiterhin konzentriertem Gesichtsausdruck.

 

"Nicht sonderlich gesprächig heute." Das widerliche Feixen scheint die Frau auf dem Tisch nur in ihrer offensichtlichen Panik zu bestärken. Mit langsamen, bedachten Bewegungen legt er auf einem Rollbaren Stahl-Kistchen verschiedene Instrumente bereit. Säge. Rippenspreizer. Arterienklemmen. Skalpell. Blechschüssel.

 

"Nicht sonderlich gesprächig heute." Ein betont falsches Auflachen wird von den beiden Arbeitenden ignoriert. Mit geübten Griffen und eher Lustlos bringt er Speiseutensilien in den nächsten Raum, offensichtlich das Esszimmer. Teller. Löffel. Gabeln. Messer. Topfuntersetzer.

 

Nachdem alles bereitsteht, zieht er einen ramponierten Stuhl zu sich heran und lässt sich seitlich am Tisch nieder. "Nun, was haben wir denn hier?" Er nimmt eines der Skalpelle zu Hand und rammt es der Frau mit einer plötzlichen Armbewegung knapp unter das Sonnengeflecht in den Bauch.

 

Nachdem sich alle am Esszimmertisch versammelt haben und das Essen bereitsteht, lässt auch er sich auf den Stuhl nieder. Mit einem großen Löffel hieft er sich die undefinierbare Masse aus auseinanderzuklamüsern.

 

Großartig. Die weichen, roten Stücke, die vor ihm liegen. Perfekt präsentiert in dem Loch, das er in den Bauch geschnitten hat. "Heute gibt es ein Festmahl." zwinkert er der Frau zu, die schon längst nicht mehr in einem Zustand war, in dem sie noch hätte zuhören können. Oder atmen.

 

Großartig. Die weichen Stücke undefinierbarer Farbe, die da vor ihm liegen. Perfekt in Harmonie mit dem grauenhaften Blümchenrand des Tellers. "Heute gibt es ein Festmahl." Er muss sich überwinden, um den sarkastischen Unterton aus der Stimme zu verbannen. Tatsächlich wird ihm sicherlich keiner einen Vorwurf machen. Vorwürfe setzen vorraus, dass der Gegenüber Interesse an dem gesagten heuchelt.

 

Nach dem Essen setzt scheinbar die Ernüchterung ein. Ein tiefes aufseufzen tut der Welt im Allgemeinen kund, dass er zumindest für heute befriedigt ist. Dennoch muss nun die Drecksarbeit getan werden. Aufräumen. Schnell das Besteck unter kaltem Wasser abgespült. Sterilität ist offensichtlich nicht seine Priorität.

 

Freizeit ist nicht jedermanns Sache.Sein Missvergnügen ist beim Blick auf die Uhr nicht mehr zu übersehen. Es gibt Menschen, zu denen offensichtlich auch er gehört, die nichts mit sich anzufangen wissen in ihrer freien Zeit. Es ist erstaunlich genug, dass die Menschen so etwas wie Langeweile erfinden konnten, doch wie ist so etwas überhaupt möglich in einer derart interessanten Welt?

 

FREIZEIT! Nichts zu tun und davon vieles. Sein offensichtliches Vergnügen wächst mit einem Blick auf die Uhr. Noch viel Zeit. Es gibt Menschen, denen schon die bloße Vorstellung behagt, Zeit damit zu verbringen, nicht unter Menschen zu sein. So scheinbar auch ihm. Eine befremdliche Entwicklung, wenn man den Menschen im Kontext zu seiner in Familienverbänden lebenden Vorfahren sieht.

 

Der Zustand ständiger Langeweile wirkt sich stark auf den Körper aus. Der Metabolismus fährt herunter. "Zeit, schlafen zu gehen. Ich muss morgen früh raus." Wiederum wird der Satz mit stiller Gleichgültigkeit aufgenommen.

 

Die meisten Menschen, die sich ungerne mit anderen umgeben, neigen dazu, ruhiger zu schlafen, wenn sie sich absolut sicher fühlen, nicht durch Zufall trotzdem jemanden sehen zu müssen. "Ein Verdauungsschläfchen ist sicher nicht verkehrt." Der einzige Unterhaltungspartner ist inzwischen seinen Vorgängern in einen Schacht gefolgt.

 

Der Moment des Erwachens ist Gefühlsmäßig von den ihm folgenden Tätigkeiten geprägt. So stark, dass die Vorfreude auf den neuen Tag und das neue Mahl sich sogar äusserlich zeigen: Euphorisches anziehen, zähneputzen und zum Auto traben. Ab in Richtung "Restaurant".

 

Der Moment des Erwachens ist gefühlsmäßig von den ihm folgenden Tätigkeiten geprägt. So stark, dass der Horror vor dem Rest des Tages sich stark in der Moral zeigt, mit der er sich nun zum Auto schleppt. Auf zu einem neuen Nachmittag in der Hölle.

 

Der Schlüssel dreht sich ohne Widerstand im Schloss. Die glänzend geputzte Milchglastür öffnet sich unter dem leisen knarzen der Feder des Türschliessers. Kein einziges Pflänzchen wagt es in den geradezu sterilen Fugen des scheinbar oft benutzten Gartenweges zu wachsen. Die Prozedur scheint einem Mantra gleich jeden Tag wiederholt zu werden, sodass einem geübten Beobachter sicherlich aufgefallen wäre, dass dieses Haus kaum einen Tag im Jahr menschenleer ist, wie es scheint.

 

Der Schlüssel dreht sich mit einem leisen Scharren im Schloss. Die rostige Metalltür des Kellers begehrt kreischend auf, doch geht nach kurzem, ungeduldigen Druck auf. Der Viertelkreis im Staub des Bodens zeugt davon, dass es nicht das erste Mal ist. Die Prozedur scheint einem Mantra gleich jeden Tag wiederholt zu werden, sodass einem geübten Beobachter sicherlich aufgefallen wäre, dass das Haus nicht so unbenutzt und leer stehend ist, wie es scheint.

 

1 Kommentar 23.4.13 21:15, kommentieren

Wiedergutmachung

"Du hast es wieder versaut!" Die seltsame Akkustik der Küche mit ihrem blendend weissen OP- Neonlicht verwandelte die leise gesprochenen Worte in Akkustische Peitschenhiebe.


Das war der Todesstoß. Sie blickte gebrochen zu ihm auf. Mit kühlem Blick wurde sie gemustert. Sie ließ wieder den Kopf hängen.
"Tut mir leid..." Kam es leise von ihr, als sie wie ein Geprügelter Hund einen weiteren Blick nach oben riskierte.


"Das tut es immer, aber du vergeigst es jedes mal!" Alex drehte sich und machte Anstalten wegzugehen. Raus aus der Küchentür, wahrscheinlich auf den Balkon zum Rauchen. Er hatte zwar aufgehört, aber jedes mal, wenn eine solche Situation anstand, tat er es wieder.


Sie kauerte in der Küche weiter auf den Knien, hörte noch am Rande, wie er auf den Balkon hinaustrat. Unsicher sah sie sich um, ohne ihre Umgebung wirklich wahrzunehmen. Schränke, weisse Schränke, Schubladen, der Erst Hilfe Kasten. Was sollte sie tun? Sie hatte es doch nicht so beabsichtigt. Woher sollte sie wissen, dass der Verdammte Fahrplan sich geändert hatte?


Schritt zurück.


Sie stand vor dem Fahrplan. MIST! Das neue Papier unter dem zerkratzten Kunststoff verkündete, dass der Bus nicht mehr, wie ursprünglich um 14:00, sondern um 14:20 Uhr fuhr. Verdammt. Sie würde den Zug nicht mehr bekommen. Er würde doch hoffentlich nicht böse sein...


Schritt vor.


Er hatte fast zwei Stunden warten müssen, bis sie kam. Und jetzt saß sie hier. Natürlich hatte er allen Grund, sauer zu sein. Es war ja nicht das erste mal, dass sie es verschusselt hatte.


Schritt zurück.


Er stand an der Haltestelle. Vor etwa eine Stunde hätte sie ankommen sollen. Langsam wurde er ungeduldig. Machte sich Sorgen. Wurde ärgerlich.


Schritt vor.


Zwischen übelriechende Menschen eingequetscht stand sie da, wartete darauf, dass sie endlich aus der verdammten S - Bahn steigen konnte. Hoffentlich war er nicht böse...


Bis sie daheim angekommen waren, hatte er geschwiegen. Selbst, als sie in der Küche zu heulen angefangen hatte, war er kalt geblieben, bis auf diese paar Worte. Sie wollte es irgendwie wieder gutmachen.

Musste es gutmachen. Immerhin wollte sie nicht, dass er sich schlecht fühlte. Sie war doch seine Freundin. Sie hatte doch immer wieder gesagt, dass sie alles für ihn tun würde.


Aber sie hatte mal wieder alles in den Sand gesetzt. Und jetzt waren sie nur ein paar Meter und doch Meilen voneinander entfert.


Es musste an ihr liegen.


Irgendwas an ihr machte alles falsch.


Und diesen Teil musste sie loswerden.


Weg damit!


Stumm entschlossen griff sie nach dem Griff der Schublade.

 


Auf dem Balkon nahm er einen weiteren Zug der Zigarette. Verdammt. Eigentlich wollte er ihr doch nicht so wehtun... Er erinnerte sich noch gut daran, wie sie sich lächelnd geschworen hatten, nie dem anderen wehzutun. Fuck. Was hatte er wieder angestellt?


Still blickte er in die Nacht hinaus. Der Zorn hatte sich gelegt. Eigentlich sollte er sie um Verzeihung bitten. Alles wieder in Ordnung bringen und mit ihr zusammen einschlafen. Wie immer. Arm in Arm. Das war schon immer ihr Ding gewesen. Er wollte sich gerade umdrehen und die Tür öffnen.

Sie grinste ihn an, als er herein kam. Die Augen glänzend und meilenweit entfernt.


"Ich..."


Sie lächelte ein versonnenes, weltfremdes Lächeln. Dann zeigte sie ihm die Arme, die sie bisher hinter dem Rücken gehalten hatte.


"Ich habs weggemacht. Ich habs wieder gutgemacht. Schau, ist alles weg!"


Sie grinste glücklich und fiel ihm um den Hals, nicht bemerkend, dass er vollkommen erstarrt war. Sie verschmierte in der Stürmischen Umarmung ihr Blut aus den tief geschnittenen Wunden über seinen Rücken.


"Ich hab wieder alles gut gemacht, siehst du?"


Sie lies von ihm ab und zeigte nochmals die Wunden vor. Ihm drehte sich der Mgaen um, als er teilweise Knochen durchschimmern sehen konnte.


"Alles wieder gut!"


Die lachte überschwänglich, wie ein Kind, das stoolz ein Lob erwartet.


"Alles gut!"


Sie grinste immer noch, als sie bewusstlos zu Boden fiel.

2 Kommentare 22.7.11 17:32, kommentieren

Fighter

~Was ist, hast du Angst?~

"Nein. Ich weiss nur nicht weiter."

~Also hast du Angst vor dem Weitergehen.~

"Nein. Es gibt kein weiter. Ich kann nichts tun. Ich habe keine Möglichkeiten, ich kann nicht mehr tun als zu warten."

~Du hast die Möglichkeit, Die Karten auf den Tisch zu legen.~

"Die habe ich nicht. Das kann und darf ich nicht tun, es verstößt gegen die Regeln."

~Und? Andere halten sich auch nicht an die Regeln. Warum solltest du es tun?~

"Weil ich so bin."

~Achja.... Ganz vergessen, DU bist sja der "Edle Ritter", der der immer alles auf sich nehmen will und sich hinterher beschwert.~

"Ich beschwere mich nciht."

~Und was tust du dann bitte gerade?~

"Nicht wissen, wie es weiter geht. Kämpfen."

~Man kämpft nicht, indem man wartet, oder besonders rücksichtsvoll ist. Und wenn du kämpfen willst, dann bitte mit mehr als einem morschen Ast. Nimm dir endlich ein Schwert, du Weichei!~

"Nein. Ich tue das, was ich immer schon tue und ich bin wie ich bin. Ich gebe nicht auf und ich kämpfe auf meine Art."

~Das ist die Art, mit der man verliert.~

"Möglich. Aber für diese Art braucht man mehr als Boshaftigkeit und eine scharfe Klinge. Für diese Art muss man wirklich stark sein."

~Geschwätz. Du jammerst und jammerst, aber du tust nichts.~

"Doch. Ich bin da."

1 Kommentar 3.1.11 17:22, kommentieren

Grenzgespräch.

"Ruhig:"

"Warum?"

"Weil du zu hektisch bist."

"Aber sonst komme ich nie zu etwas!"

"Nun, du kommst zu Ruhe, wenn du es versuchst. Setzen wir uns doch eine Weile unter den Baum dort."

"Wozu?"

"Muss denn alles immer einen Grund haben?"

"Ja!"

"Nun, wahrscheinlich hat auch immer alles einen Grund, aber der muss doch nicht immer einen Vorteilhaften Zweck darstellen, oder?"

"Aber ohne so etwas kommt man im Leben doch nicht weiter..."

"Vielleicht doch."

"Du bist ein Träumer."

"Ja. Und auch solche Menschen braucht die Welt."

"Aber sie bewegen nichts!"

"Sicher?"

"Ja!"

"Schau dir den Dort an. Er ist ein erfolgreicher Geschäftsmann. Er hat etwas entwickelt, was das Transportwesen dieser Welt revolutioniert hat."

"Ist doch toll. Ich habe Respekt vor Jemandem, der etwas in der Welt bewegt."

"Und nun schau dir den dort an. Er arbeitet jeden Tag mit Leuten, die kein Zuhause haben. Er versucht, ihnen ein besseres Leben zu ermöglichen."

"Ja und?"

"Du verstehst immer noch nicht. Oder?"

"Nein."

"Was würdest du sagen, wenn ich behaupte, dass der Zweite jeden Tag mehr in der Welt bewegen wird, als der Erste in seinem ganzen Leben?"

"Dass das bescheuert und du ein Tagträumer bist."

"Es stimmt aber."

"Nein. Er verändert einfach nichts in der Welt. Nichtmal ein kleines Bisschen!"

"Wenn du die Menschen fragen würdest, denen er hilft, würdest du erfahren, dass er für jeden von ihnen an jedem Tag die ganze Welt verändert."

"Das glaube ich nicht."

"Weil du kein Träumer bist. Du bist lediglich ein Zahnrad. Also geh und dreh dich weiter, ich habe genug Zeit mit dir verschwendet. Dort draussen gibt es noch Menschen, denen ich heute zu helfen habe."

1 Kommentar 24.10.10 15:08, kommentieren

Du, nur anders 2

Der Spiegelsaal hat eine unvorstellbare Größe. Er erstreckt sich so weit in alle Himmelsrichtungen, dass man die Wände nicht sehen kann. Tut er das wirklich? Oder sind es nur die Spiegel, die alles so wirken lassen? Er hat keine feste Form, noch einen Grundriss, den ein Geist verstehen würde, der nicht so krank ist, dass er es nicht in Worte fassen könnte. Gestalten, wunderschön gekleidet tanzen dort Langsam zu einer traurigen Melodie. Jede von ihnen trägt eine Maske, in deren Schatten man nicht einmal die Augen erkennen kann. Manche stehen auch einfach nur still dort. Und dort... An eine Säule gelehnt sitzt du. Du hast die Augen geschlossen. Stumm setze ich mich neben dich. Du siehst zerbrechlich aus. Zumindest das, was ich von dir sehen kann. Im verhältnis zu diesen Pfauen der Menschen ist deine Kleidung unscheinbar. 

"Was hast du?"

Das bleiche, ausdruckslose Gesicht der Maske wendet sich mir zu, doch keine Worte kommen daraus hervor. Du kauerst dich nur ein wenig mehr zusammen.

Die Gestalten tanzen weiter im Dämmerlicht. Langsam. Elegant. Wenn der Betrachter aufmerksam genug ist, so wird er feststellen, dass sie nicht miteinander tanzen, sondern sich trotz derer, die um sie herum sind, ganz alleine bewegen. Wer noch aufmerksamer ist, der wird hin und wieder das Blitzen von etwas sehen, das nicht zu den prunkvollen Gewändern gehört. Ein kurzes aufkeuchen eines Menschen, doch die Tänzer umrunden ihn wie ein Bienenschwarm. Als die Reihen sich wieder lichten, ist er fort.

"Warum tanzt ihr nicht mit uns?"

Eine sanfte Stimme, von einer Tänzerin vor uns, die kurz innhält, um diese Wort zu sprechen. Wir stehen beide auf. Alles ist von Musik erfüllt. Sie ist sanft, einfühlsam, sie dringt bis in die Knochen und erfüllt mich mit tiefer zufriedenheit. Doch, bevor ich anfangen kann, mit ihnen zu tanzen muss ich an die Gestalten denken, die plötzlich weg sind. Der Bann ist gebrochen.

"Nein danke."

Sage ich kühl und fasse dich, die sich noch nicht von dem Bann lösen kann an der Hand, um weiter zu gehen. Wie auf ein geheimes Zeichen hin halten wir uns an den Händen. Ich kenne dich zwar nicht, aber ich glaube, dass zumindest du echter bist als die Tänzer. Echter? Sie sind alle Echt. Aber auch falsch. So falsch wie ein dissonanter Ton in einem Engelschor. Wir schieben uns durch die Menge. doch nirgends ist ein Platz, an dem ich nicht vermuten würde, dass man unds auch dort verschwinden lassen würde.

"Warum nimmst du mich mit?"

Das sind deine ersten Worte. Tonlos, willenlos. Es spielt keine Rollen, ob du mir vertraust oder nicht, du wärst selbst dann mitgekommen, wenn ich ein Monster gewesen wäre, das dich zerfleischen wollte. 

"Warum wehrst du dich nicht?"

"Weil es keinen Sinn hat."

Wahrscheinlich stimmt das sogar. Man kann den Tänzern nicht entkommen. Doch wenn man aufgibt, so wird man sicherlich einer von ihnen.

"Es hat immer einen Sinn, nein zu sagen."

"Nein."

Ich bleibe stehen. Noch halten die Tänzer abstand. Ich drehe mich zu dir um und nehme dir die Maske ab. Du wehrst dich wieder nicht. Was hat dich so willenlos gemacht? Deine Augen sehen mich ausdruckslos an. Der Mund ein Strich, keinerlei Mimik. Trotzdem erkenne ich Trauer in dir. Sie schreit mir entgegen aus diesen fast toten Augen.

Um uns Herum drehen die Tänzer ihr Runden.

Du scheinst vertraut. Ich weiss, dass ich dich nicht kenne. Dir niemals begegnete. Dich niemals vor dem beschützen konnte, was dich wie mich durch die Spiegel geschleudert hat. Aber nun will ich es. Ich will dich beschützen. Ich weiss, dass es dir egal wäre, doch dennoch will ich es tun, ohne Rücksicht auf mich selbst. Trotzdem gibt es noch eine Frage zu beantworten...

"Wer bist du?"

"Na, ich."

"Wer du?"

"Du, nur anders."

1 Kommentar 5.10.10 21:27, kommentieren

Du, nur anders.

Flüstern. Leise Stimmen, Fremde Zungen. Was sagen sie? Sie Erzählen. Davon, wie es ist. Davon, wie es sein sollte. Davon, wie es niemals sein darf. Niemals. Niemals. Niemals. Und doch... Doch. 

Alles ist im Wandel. Ich stehe inmitten des wehenden Laubs. Und sie Flüstern. Singen. Schreien. Alles zugleich. Und doch ist es still.

Das Leben ist nur eine Abfolge von Räumen. In vielen ist man allein. In manchen ist Jemand. Und doch schaffen wir es immer wieder, auch in solchen Räumen einsam zu sein.

Kein Blick zurück. Jeder Blick über die Schulter ist ein verschwendeter Blick.

Schritte hinter mir. Ich drehe mich nicht um. Erst nach einer Weile höre ich sie nicht mehr. War es schlecht? Möglich. 

Immer wieder versuchen Menschen, mich auf sich aufmerksam zu machen. Ich lasse sie stehen. Uninteressant. Ich sehe mich um. Endlich Jemand, der still ist. Stumm setze ich mich daneben. So sitzen wir. Stunde um Stunde. Kein Wort zwischen uns. Kurz spüre ich auf meiner Schulter eine Hand. Doch der Mensch, dem sie gehörte, ist schon aus dem Blickfeld. 

Und doch, Fremder, teilen wir nun ein Band. Ich kenne dich nicht. Habe dich nie wirklich angesehen. Habe dich nie Gefragt, wer du bist. Habe dich nie umarmt. Und dennoch kann ich sagen:

Du hast mein Leben bereichert.

Wieder leise Schritte. Ich spüre, wie Jemand mich von hinten umarmt. Ich drehe mich um. Doch dort steht niemand.

Ich sehe mich um.

Niemand da, wieder einmal ein Raum, in dem ich allein bin. 

Trotzdem ein Flüstern.

Leise.

Zaghaft.

"Wer bist du?"

"Na ich."

"Wer ich?"

"Du, nur anders."

 

Ich danke dir.

1 Kommentar 8.9.10 21:27, kommentieren

Antiquariat

Ich sehe mich im Raum um.

Durch schmutzige Fenster scheint das Licht, gelb eingefärbt. In den Lichtbalken tanzen wie tausende winziger Lichtpunkte die Staubflocken, die solche Orte mit einer Aura von vergangenem scheinbar immer zu beherbergen pflegen. Mein Blick wandert weiter zu den Ausgestellten Gegenständen. Sie befinden sich in Regalen, die die Wände verbergen. Der Raum scheint sich sehr weit in die ferne zu meiner Rechten zu erstrecken. So weit, dass ich das Ende nicht genau sehen kann. Mein Blick wandert über viele Dinge, meiner Ansicht nach alle mehr oder weniger wertlos: Eine seltsam geformte Schere. Arterienklemme, schiesst es mir duch den Kopf. weiter rechts davon, Ein wickeltuch, wie man es für Stoffwindeln verwenden würde. Immer weiter nach rechts... Ein Dreirad. Ein Plastikball, in den man bestimmte Formen stecken kann. Direkt vor dem Regal, eine Minzgrün gestrichene Bank, von der langsam die Farbe abblättert. Eine Kurze Erinnerung an meine Urgroßmutter überkommt mich. Da müsste ich wohl 4 oder 5 Jahre alt gewesen sein... Wieder im Regal, ein kleines Döschen, wie ich es damals für meine Milchzähne benutzt habe und noch eindutzend weitere Dinge, die wohl zu dem Zeitabschnitt gehören, der für mich die frühe Kindheit bedeutet hatte. Eine Schultüte mit Froschgesicht. Nächstes Regal. Ein Zeugnisheft. Ein Drache. Fast alles wie in diesen Bilder, die scheinbar belanglos waren und die sich doch so markant in mein Gedächtnis gebrannt haben, als wären sie es gewesen. Der Testbogen. Ein kleines Buch, "Das Schiff Esperanza". Das große Küchenmesser. Daran erinnere ich mich noch zu gut. Einer von den Abenden, an denen ich wieder nicht schlafen wollte, sondern die Zeit geniessen, die ich nicht in der Schule bin. Nicht bei ihnen. Nicht mit mir selbst kämpfen musste, damit ich nicht weine, wenn sie wieder alle über mich herzogen. Ich habe es in der Hand gehabt, wollte es am nächsten Tag mitnehmen und diese kleinen Scheisser kalt machen. Ich nehme es kurz aus dem Regal. Vor meinen Augen bekommt es rostflecken und die Klinge beginnt zu zerfallen. Ich lege den traurigen Rest wieder auf das Brett zurück. Weiter. Ein Tafelstift, einer dieser dämlichen Filzschreiber, die man anstatt Kreide auf diesen hässlichen weissen Tafeln benutzt hatte. Die es nur auf der neuen Schule gab, nicht auf der alten. Daneben eine gedrehte Zigarette, ohne Filter. Die hat Chris damals immer geraucht... Mojos Brille. Immer weiter... Inzwischen bin ich den Gang ein gutes Stück weitergegangen. Langsam beginne ich zu laufen, immer schneller, gar nicht mehr weiter die Gegenstände beachtend, die immer mehr werden, genau wie die Erinnerungsfetzen aus denen sie stammen. Zweitaktmotor aus Holz, Nietenarmband, Springerstiefel, alte CDs, Silvesterraketen... Kleine Papierstücke mit wechselnden Motiven, kleine Pillen, ebenfalls wechselnde Motive. Ich mache rutschend vor einem Gegenstand halt, der aus den anderen heraussticht. Ein Konzertbändchen. Misha. Die Erinnerungen sind verschwoommen, aber wahrscheinlich werden sie nie ganz verschwinden... Verflucht. Daneben noch andere Dinge. Ein großes Messer... Koers. Ein Lolli. Alwin. Ich merke verschwommen, wie sich meine Augen mit Tränen füllen. Ob die beiden jemals verstanden haben, wie sehr sie mein Leben und mich selbst verändert haben? Eine Rasierklinge, blutverkrustet. Ich. Ein verband, auf dem man noch in getrocknetem Blut das lesen kann, was auf meinem Arm beinahe vollständig verblasst ist: Verlierer. Ich gehe jetzt langsamer, den Punkt, von dem ich gekommen bin, kann ich kaum noch erkennen. Weitere Gegenstände ziehen an mir vorbei. Noch ein Konzertbändchen, eines, das ich immer noch trage. Nadie. Diese Erinnerung Ist wohl eine von denen, die einen das ganze Leben verfolgen. Es tut immer noch weh. Sehr. Dann, meine alte Tastatur. Daneben eine kleine Stoffpuppe, ein Engel. Alessia. Das genau gegenteil zu Nadie. und immer noch ein warmes Gefühl im Bauch, wenn ich an sie denke. Ein Glas, halb voll mit irgend einem roten Zeug. Julian. Alessia. Ich kannte ihn kaum. Kurzer Schmerz. weiter. Der Brief, mit dem ich endlich meine Ausbildung hatte... Eine Schere mit abgerundeten Spitzen. Meine Kids.  Ein rotes Halstuch. Paddy. Alessia. Wieder Jemand, den ich kaum kannte und dem ich wohl bis ans Ende meines eigenen jämmerlichen Lebens den Tod wünschen werde. Schmerzen. Ein Glaskasten, ausstaffiert mit Ästen und Pflanzen. Meine Ammit. Unbewusst halte ich immer wieder nach einem Ende des Ganges ausschau. Er scheint bis in die unendlichkeit zu reichen. Die kommenden Regale scheinen leer zu sein. Stumm setze ich mich auf den Boden und warte.

1 Kommentar 15.5.10 00:10, kommentieren